Kindergedanken II

Aktualisiert: 26. März 2020

"Mama, weißt du was?!" Diesen Ausruf bekomme ich von meinem Sohn, der in voller Schulmontur ins Haus stolpert.

"Was ist los?", frag ich nur und helfe ihm aus der Jacke und dem Schulranzen heraus. Er dreht sich um zu mir, stemmt seine Hände in die Hüften und sagt mit lauter Stimme: "Mama, weißt du, dass es Menschen gibt, die nur eine Sprache sprechen?"

Die Betonung liegt ganz fest auf der Anzahl. Sein Gesicht spiegelt alle Emotionen wieder von Empörung, Fassungslosigkeit, Überraschung und Wut.

Ich geh auf seine Augenhöhe und sage ihm: "Ja, das weiß ich, macht dich das wütend?" "Ja!" platzt es aus ihm heraus. "Ich muss Englisch lernen und die müssen keine Sprache lernen."

Die Schule ist für ihn eine ganz besondere Herausforderung. Er ist hier in die erste Klasse gekommen und die Sprache ist ihm ganz fremd. Ihm war klar, dass er eine neue Sprache lernen musste, was für eine Herausforderung es werden würde, war ihm nicht klar. Wie auch, er ist erst sechs Jahre alt.

Mein Mann und ich sind Aussiedlerkinder. Das heißt, dass unsere Eltern in der ehemaligen Sowjetunion geboren und aufgewachsen sind. Auch wenn wir beide kein fließendes Russisch sprechen, unsere Eltern können es. Unsere Kinder haben es in der Familie erlebt, dass es sowas wie verschiedene Sprachen gibt. Als Deutsche im Süddeutschen Raum können sie auch sehr gut erklären, wie sich Schwäbisch und Hochdeutsch unterscheiden.

Hier in den USA ist es nichts Ungewöhnliches, dass der Durchschnittsamerikaner "nur" eine Sprache spricht. Sie lernen an der Schule mehrere Sprachen, da sie die aber nicht so sehr brauchen wie wir in Europa, verlernen sie die relativ schnell.

Das, was mein Sohn erlebt hat, ist ein sogenannter Kulturschock. Seine Realität wird mit einer komplett anderen Realität konfrontiert und er ist zuerst überfordert.

Ich nehme ihn in den Arm und halte ihn. Ich sage ihm, dass er mutig ist und dass er etwas unglaublich Schweres gerade erlebt. Ich sage ihm, dass ich ihn lieb habe und dass ich unglaublich stolz auf ihn bin. Wir reflektieren zusammen, was er schon alles in der neuen Sprache sagen kann und ich merke, wie er sich entspannt. Seine Schwestern kommen und wollen spielen, seine Gedanken wandern ab, er löst sich von mir und geht Playmobil spielen.

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