Alltag in Zeiten des Corona

Aktualisiert: 26. März 2020


1. Woche *16.3- 22.3.20

Am Freitag den 13. März hat die Gouverneurin von Michigan, Gretchen Whitmer, die Schließung der Schulen angeordnet. Die Freude war sehr gemischt, die Kinder gehen in der Regel gerne zur Schule.

Am Freitag haben wir Lernmaterial für den Monat bekommen und die Lehrer schicken uns Videos mit Erklärungen zu den Aufgaben. Die Gottesdienste sind für diesen Monat auch abgesagt worden, ebenso wie alle Gemeindeaktivitäten während der Woche.

Ich habe es noch nie erlebt, dass sich die Stimmung so schnell ändern kann. Am Donnerstag bin ich einkaufen gegangen, da waren die Regale noch relativ voll. Gut das Toilettenpapier ist verschwunden gewesen, aber das war ja auch abzusehen. Während ich zu unserm Monatseinkauf ein paar Bananen mehr dazu kaufte und die leeren Konserven aufstockte, hatte ich ein paar interessante Begegnungen im Laden.

Ich stand am Regal für die Kekse und Süßigkeiten, als eine Frau neben mir anfing mit mir zu plaudern. "Ob ich auch für die Coronaferien einkaufen würde?" "Ja, ich denke schon, ein paar Kekse schaden ja nie oder?" sie meinte darauf: "Ja, aber vergiss dich selbst nicht. Du weißt schon." Ne, ich wusste nicht was sie meinte. Daraufhin drehte sie sich zu dem Weinregel hinter uns um und sagte: "Ich brauche Wein, sehr viel Wein. Mein Mann und meine Kinder sind alle zur selben Zeit zuhause, das geht nur mit Wein."

Aussagen wie diese habe ich in den nächsten Tagen öfter gehört.

Das Klopapierregal war natürlich leer. Als ich daran vorbei gehen wollte, ist mir eine Frau aufgefallen. Sie hatte Tränen in den Augen, einen Einkaufszettel in der Hand und ihrem Einkaufswagen sassen zwei kleine Jungen unter fünf. Ich sah sie an und sie sagte nur: "Wir sind eine Familie von sieben Menschen, ich brauche einfach Klopapier, nicht zum horten, zum benutzen- heute."

Die Panikeinkäufe führten auch hier zu leeren Regalen. Wir haben bis jetzt allerdings alles bekommen, auch Klopapier. Die Schlangen an der Kasse sind lang, aber die Menschen höflich und besorgt. Sie halten alle Abstand und bemühen sich so wenig wie möglich anzufassen, die meisten tragen Gummihandschuhe beim einkaufen.

Irgendwie ahnte ich es, dass es zu der Schulschließung kommen würde. Ich bin am Donnerstag mit den Kindern in die Bücherei gegangen und habe uns mit Material eingedeckt. Die Bücherei leiht auch sogenannte STEAM (Science. Technology.Engineering.Arts.Math) Boxen aus. Wir haben dieses mal die Magnete mitgenommen. Damit sind wir in den Corona Ferien gut beschäftigt.

Wir lieben unsere Bücherei. Sie ist für klein und groß super ausgestattet und hat auch eine große Ecke mit Büchern in fremden Sprachen. Wenn es ein Buch nicht in deutsch gibt, kann ich nachfragen und es wird für mich bestellt. Das ist klasse, vor allem für die Kinder, dadurch können sie in der deutschen Sprache drinnen bleiben. Während unser großer sich am Anfang schwer tat eine neue Sprache zu lernen, sagt er jetzt: "Ach Mama, Englisch oder Deutsch ist ja auch egal, ich kann jetzt beides."

Wir haben eine Woche Heimunterricht hinter uns und das verlief für uns alle sehr gemischt. Es ist so, dass die Schule uns eine Liste mit Aufgaben für jeden Tag gegeben hat, zudem noch einen Stapel mit Arbeitsblätter für jedes Fach und es gibt obendrauf noch Google Classroom. Diese Anforderungen haben mich sehr gestresst. Ich musste den Kindern helfen ihre amerikanische Hausaufgaben zu machen, indem ich sie ihnen auf deutsch erklärt habe. Englisch reden dufte ich nicht. Die Situation war für alle nicht sehr leicht.

Wir haben einen empfohlenen Tagesablauf bekommen, nach ein bisschen hin und her haben wir den Ablauf auf uns angepasst. Ohne Flexibilität geht es nicht. Nach dem Frühstück gehen wir erstmal raus. Obwohl vor allen Häusern die Autos stehen ist kein Mensch auf der Strasse. Außer die Wildgänse die sich in unserem See tummeln, die sind draußen anzutreffen. Nach unserm Spaziergang an der frischen Luft, machen wir uns an die Schulaufgaben. Das läuft je nach Tagesform anders. Wir müssen uns alle anpassen, vor allem aber auch unser kleines Mädchen. Ihre großen Geschwister können nicht mit ihr spielen sondern müssen lernen, das ist eine ganz neue Situation für sie.

Vor der Coronaschulzeit, habe ich die Kinder immer gesegnet bevor sie das Haus verlassen haben. Jetzt machen wir das auch. Je nach Tagesform, betet eines der Kinder oder ich segne sie mit der Stelle aus 4. Mose 6,24- 26

Der HERR segne dich und behüte dich;
der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Mir hilft es, einzelne Situationen bewusst dem anzuvertrauen der auch alle andere Situationen überblickt. Ich glaube an einen Gott der es gut mit mir meint, auch wenn ich hier beim besten Willen nicht alles verstehe oder nachvollziehen kann.

Das social distancing hat seine Schattenseiten. Nach drei Tagen zuhause, kommt mein Sohn weinend zu mir, er will seine Freunde sehn, er will zur Schule. Nachvollziehbar, die Selbstquarantäne ist für mich als Erwachsene schwer anzunehmen, für Kinder muss es noch mal anders schwer sein.

Ein Tag später ruft meine Schwester an. Meine vierjährige Nichte will fragen, ob ihre Verwandten in den USA auch keine Freunde einladen dürfen? Nein dürfen sie nicht! "Auch nicht auf den Spielplatz?" "Nein, auch nicht auf den Spielplatz!"

Es wird klar, dass die Situation für alle Familien schwer ist, im tiefen Schwarzwald und im Norden der USA. Die Kinder machen das beste aus dem Moment und unterhalten sich.

Wir zeigen die Schaukeln im Keller und wir sehen die Matschküche in der fleißig Gänseblümchensuppe gekocht wird.

Nach dem Videoanruf reden wir über den doofen Virus und das er macht, das Kinder nicht mehr miteinander spielen dürfen. Ich suche im Internet und finde dieses Video. Es hat den Kindern sehr geholfen zu verstehen, was und wie der Virus wirkt.

Nicht nur die Kinder haben Schwierigkeiten mit den Veränderungen. Ich bin gestresst, durch die auferlegten neuen Alltagsregeln. Was mich immer entspannt, ist backen oder kochen. Diese Woche habe ich ein Essen aus meiner Kindheit gekocht. Sie heißen "Warenikis" und erinnern mich an das Essen meiner Oma. Es sind Teigtaschen, gefüllt mit Kartoffeln und gebratenen Zwiebeln. In dem ganzen neuen Alltagsstress will ich was Vertrautes. Essen kann das geben. Die Warenikis sind in der Vorbereitung auch für die Kinder spannend und so habe ich kleine Helfer in der Küche.

Am Ende der Woche haben wir den dreh raus und eine gewisse Vertrautheit ist entstanden.

Am Freitag haben wir mit Youtube das 1x1 gelernt, mit Fly Guy lesen gelernt und für eine Freundin gekocht, die sich von einer Krebs-OP erholt.

Die Kinder hatten das Bedürfnis denen zu geben, die weniger haben. Hier kann es immer wieder mal vorkommen das Obdachlose an Straßenkreuzungen stehen und betteln. Für die haben wir immer ein paar Wasserflaschen im Auto. Dieses mal packten die Kinder noch Snacks und Tücher zum reinigen ihrer Hände ein.

Am Ende der Woche klopfe ich bei meiner Nachbarin, ich habe was abzugeben, sie hat sich seit mehreren Tagen nicht gemeldet und das passt nicht zu ihr. Sie kommt an das Fenster neben der Tür, ich sehe an ihrem Gesicht das was nicht stimmt und sie sagt mir, dass ihr Mann eine Lungenentzündung, mit Fieber, hat. Sie waren in Kontakt mit Infizierten und sind jetzt in Selbstquarantäne. Sie warten auf Ergebnisse. Die Krankheit aus dem Fernseher ist in der Nachbarschaft angekommen. Ich frage, ob sie was braucht. Sie sagt: "beten", ich sehe ihre Sorge. Ohne Familie im Ausland zu sein, dazu noch mit kleinen Kindern, ist eine Herausforderung für sich. Eine unbekannte Krankheit zu haben, macht es nicht leichter.

Ich gehe nach Hause zurück und informiere meinen Mann. Der Gute fragt mich: "Hast du unsere Hilfe angeboten?" Ja, das haben ich. Ich gehe in die Küche und fange an, für eine Suppe Gemüse klein zuschneiden. Ich fülle meinen Honig-Zwieblsaft ab und suche in der Vorratskammer nach einem guten Tee und etwas Schokolade für die Kinder. Am Abend bringt mein Mann das Care Packet ein paar Häuser weiter und ich frage in meinem Bekanntenkreis nach Hausmitteln, die man bei einer Lungenentzündung anwenden kann.

Während der ganzen Woche fahren meine Gefühle Achterbahn, von Panik zur Gleichgültigkeit, ist alles vorhanden. Ich bin mit der Situation mehr als überfordert. Ich habe den Eindruck als ob mir der Boden unter den Füssen weggezogen wird. Für ein paar Tage hinterfragen wir als Paar alles und müssen gleichzeitig einen neuen Alltag auf die Beine stellen, mein Mann ist seit dieser Woche im Homeoffice. Mir hilft der Satz: "Gefühle sind da um gefühlt zu werden". Für mich heißt es, ja die Angst ist da, ich muss aber nicht in Panik einkaufen gehen.

In dieser ganzen Woche habe ich dieses Bild im Kopf, von einem Boot im Sturm und einem Gott der schläft. Während mein Leben auf den Kopf gestellt wird, mein vertrauter Alltag nicht mehr der Gleiche ist und ich versuche die Dinge in den Griff zu bekommen. Dieses Bild ist aus einer Geschichte in der Bibel. Jesus ist mit Petrus und ein paar von seinen Jüngern unterwegs in einem Boot, sie wollen nach einem langen Tag auf die andere Seite des Sees kommen. Während sie auf dem Wasser sind, fängt es an zu stürmen, die Wellen werden so hoch, dass die Jünger von Jesus Todesangst bekommen. Petrus in der Geschichte, weckt Jesus auf, er beruhigt die Wellen und die, die mit ihm im Boot sind.

Mit dieser Geschichte gehe ich durch die Woche, immer wenn es mir zu stürmisch ist, gehe ich und "wecke" Jesus auf. Ich sag ihm: "Kannst du mal mir mal bitte etwas Ruhe in dem Chaos schenken?". Die Ruhe kommt auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Durch gute Corona Nachrichten, einem guten Kaffee am Tag oder einer Freundin die sich meldet und fragt: "Wie geht es dir, bist du gesund?".

Meine Mutter gehört, mit ihrem Diabetis, zur Risikogruppe des Viruses und ich mache mir Gedanken, wie sie ihren Alltag jetzt bewältigen soll. Noch am selben Tag ruft sie an und erzählt mir, dass meine Geschwister sich mit dem Einkaufen abwechseln. Sie geht nicht mehr in den Supermarkt. Meine Schwägerin hat ihr auch Desinfektionsmittel vorbeigebracht und ihr nahegelegt es zu nutzen, wenn sie von draussen reinkommt. Anrufe wie diese, sind Momente in denen mein Gott den Sturm in meinem Alltag legt.

Ich erinnere mich an ein Lied das meinen Zustand gut erklärt. Ich fühle mich wie im Sturm, aber ich habe einen Gott der stärker ist als der Umstand. Dieser Glaube gibt mir Kraft und Humor für den Alltag.

Am Sonntagabend schreibt eine Expatmama in China, das die Schule ihrer Kinder wieder aufmacht. Es gibt Hoffnung.


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